90 Minuten über Alex Frei nachdenken
Anpfiff: Ich mag Sie, Herr Frei, weil Sie ein Kopfmensch sind. Denn manchmal bin auch ich so kopflastig, dass ich einfach vornüber kippe. Ich bleibe dann liegen, mache ein Nickerchen und warte, bis sich die Schwerkraft wieder normalisiert. Sie hingegen, Sie sagen: «Manchmal fällt man hin im Leben, man kann liegen bleiben oder kämpfen und wieder aufstehen. Und Champions stehen wieder auf.» Wahrscheinlich bin ich deshalb so erfolglos.
Ein ehemaliger Trainer sagte über Sie: «Er ist intelligenter und cleverer als der Gegner.» Darum würden Sie so viele Tore schiessen. Das sind ziemlich viele, wenn ich mich recht erinnere. Etwa 150 in 300 Ligaspielen. Eine Quote von 0,5 Treffern pro 90 Minuten, die auch für die Nationalmannschaft gilt. Das schaffen nicht mal andere Superstars. Solche, die das Zehnfache verdienen und das Leben lockerer nehmen als Sie. Solche, deren Fotos in vielen bunten Heftchen auftauchen, mit schönen Frauen an der Seite, meistens Ex-Sängerinnnen und Ex-Models und Ex-Missen. Sie halten sich keine Exen. Einerseits, weil Sie nicht in der Vergangenheit leben, sondern in der Zukunft und manchmal auch in der Gegenwart. Andererseits, weil Sie flirt- und beziehungstechnisch ganz bodenständig, bescheiden und scheu sind. Glanz und Gloria interessieren Sie nicht: «Ich lebe nicht in Saus und Braus.» Sie hätten sogar Ihren ganzen Mut gebraucht, jene unbekannte Frau in Dortmund anzusprechen, die heute Ihre Freundin ist. Die Dame wusste nicht einmal, wer Sie sind. «Ich bin nicht der Typ, der sich mit seinen Worten in den Vordergrund stellt», sagen Sie über sich. Sie würden im Fokus stehen, weil Sie Leistung zeigen. Punkt.
Apropos Fokus. Menschen, die viel denken, unterscheiden sich von jenen, die weniger denken: Denker setzen sich ein Ziel, haben einen Plan und verfolgen eine Strategie. Direkt, schnörkellos, unbeirrt und ernst. Sie entwickeln einen Tunnelblick: Nur die Vision zählt, was links und rechts ist, wird ausgeblendet. «Ich will Weltmeister werden», sagten Sie 2006. Und 2008: «Ich will Europameister werden.» Gewinnen wollen Sie, Herr Frei, gewinnen. Das ist legitim, aber manchmal hat das Leben andere Pläne mit jenen, die mit einem Plan durchs Leben schreiten. Als Sie Ihr Knie hörten, sah ich fassungslos auf den Bildschirm und dachte: Kein Wunder, der Frei ist übermotiviert und will mit dem Kopf durch die Wand. Dafür ist der Schädel nicht geeignet, dafür gibt es Maschinen, zum Beispiel Presslufthammer und Bohrfräsen. Sie fanden ein anderes Mittel, um aus dem Tunnel auszubrechen. Sie weinten. «Freunde haben Tränen getrocknet. Meine Freundin hat Tränen getrocknet. Die ganze Familie hat Tränen getrocknet.» Vor dieser 43. Minute waren Sie eine Summe aus Leistung, Stolz, Effizienz, Disziplin, Kontrolle, Pflicht, Askese, Moral, Gehorsamkeit, Ordnung, Verlässlichkeit und Funktionalität. Nun waren Sie für ein paar Minuten einfach nur Mensch, ein verletzter und verletzlicher Mensch. Deshalb hat die Schweiz drei Helden: der eine schiesst das Leder in die hohe Ecke, der andere schiesst den Gegnern Filzbälle um die Ohren, der dritte schiesst auf Äpfel. Sie sagen über sich: «Du fällst hin, du stehst wieder auf, du kämpfst – so funktioniere ich.» Sie sagen über sich: «Ich versuche, meiner Linie treu zu bleiben.» Sie sagen über sich: «Ich habe alles, was ich in meinem Leben erfahre, immer selbst verarbeitet.» Das war schon nach Portugal so, einem anderen Tiefpunkt in Ihrer Karriere, der Sie als Mensch prägte und zum Pate eines Lamas im Basler Zoo machte. Zurück in der Schweiz «setzte ich mich ins Auto, fuhr in den Wald und rannte zwei Stunden. Ich war völlig zerstört, in einem grossen Loch, es ging mir schlecht. Ich sagte mir: Alex, du hast zwei Möglichkeiten. Entweder zerbrichst du an allem oder du kämpfst. Ich ging aus dem Wald und sagte mir: Du willst kämpfen. Damit war für mich alles verarbeitet.»
Ruckzuckzackzack, alles verarbeitet? Das glaube ich Ihnen nicht, Herr Frei. Als Sportler denken Sie vielleicht binär: 1 oder 0, Sieg oder Niederlage, dazwischen gibt’s nichts, nicht einmal ein Unentschieden. Als Mensch aber verabscheuen Sie das Schwarzweissdenken abgrundtief. Sie sind keiner, der auf der Oberfläche paddelt. Sie sind keiner, der einfach etwas schwatzt. Sie sind keiner, der mit der unerträglichen Leichtigkeit des Seins durchs Leben schlurft. Sonst würden Sie nicht Sätze wie diesen von sich geben: «Ich möchte verstehen, warum George Bush dies oder jenes entscheidet.» Als Mensch denken Sie fuzzylogistisch und lassen die Grautöne zu: die tiefen Unsicherheiten und die inneren Zweifel. Sie sind ein nachdenklicher Mann, der weiss: Gute Gedanken brauchen Zeit. Und es ist die Zeit, die mehrere Gedanken in eine einzige Erkenntnis umwandelt. Zum Beispiel in diese: «Das erfüllte Leben ist gleichsam das Atmen zwischen den Polen des Positiven und Negativen», wie Wilhelm Schmid, Philosoph der Lebenskunst, in einem kleinen, feinen Buch schreibt, das von Glück und Heiterkeit handelt. Wegen diesem Buch und wegen Ihrer Geschichte, Herr Frei, hege ich den leisen Verdacht, dass wir Sie in den nächsten Monaten anders erleben werden. Wir werden einen besseren Frei und einen freieren Alex sehen, auch neben dem Platz. So, wie Sie immer sind – ausser in diesem einen Spiel gegen die Tschechen –, wenn Sie auf dem Rasen stehen, weil Ihr Gehirn für 90 Minuten in den Bauch rutscht: Sie sind dann nicht Kopf, sondern Herz; Sie sind nicht Verstand, sondern Leidenschaft; Sie denken nicht, sondern vertrauen auf Ihre Intuition. Deshalb freue mich auf Sie, Herr Frei. Und jetzt, jetzt schiessen Sie uns gefälligst in die Endrunde, verdammt noch mal: Abpfiff.
Text Daniel Wagner
Foto Nathan Beck
|
 |