Mensch, Hitzfeld!
Obwohl der erfolgreichste Clubtrainer der Gegenwart, hat der Trainer der Schweizer Nationalmannschaft nie den Bodenkontakt verloren. Mag sein, dass es an seinem Vornamen liegt: Ottmar stand im Althochdeutschen für Besitz und Erbgut. Noch heute lebt er in seinem Geburtsort Lörrach, der kleinen Stadt im Dreiländereck.
Fast bäuerlich sind auch seine Tugenden: Geduld, Disziplin und Selbstbeherrschung zeichnen ihn aus. Er zelebriert meistens eine stoische Ruhe. Nur selten wird er hitzig. Und wenn, dann ausnahmlos am Rand des Feldes. Wenn seine Mannen ackern, ohne zu ernten, werden seine Falten im Gesicht zu Furchen.
Hitzfelds Beziehung zur Schweiz ist eine innige. «Ich fühle mich als halber Schweizer.» Engelberg war zwischen 2004 und 2007 sein Wohnort, die Gemeinde am Fuss des Titlis: «Welcome to Heaven». Hier zog es ihn auf den Golfplatz, 18 Loch, 5505 Meter, Par 71, um Abstand zu finden – und zu sich selbst. «Dies waren die schönsten Jahre meines Lebens.»
Wer in Deutschland Erfolg an Erfolg reiht, insgesamt 25 Titel gewinnt, hat sich den Luxus eines so langen Timeouts verdient. Und darf sich auch ohne schlechtes Gewissen von einem Internetanbieter sponsern lassen, der so heisst wie ein Stück Golfplatz.
Apropos Rasen. Seinen ersten Meisterschaftspokal holte Hitzfeld 1990 mit dem Grasshoppers Club. Zürich war der eigentliche Ausgangspunkt seiner Karriere. Kein Wunder, wollte Ernst Lämmli den Mann als Nationaltrainer zum SFV holen. Mit der klaren Zielvorgabe: Qualifikation für die WM-Endrunde 2010 in Südafrika.
«Die nächsten zwei Spiele müssen wir vier Punkte holen», sagte Lämmli vor dem Krampf gegen Lettland. Gut gebrüllt, Löwe! Wille zeigten die Spieler – und Glück benötigten sie. Nicht auszudenken, wäre nach dem Ausgleichstor nicht sofort das 2:1 gefallen...
Am Mittwoch warten Otto Rehakles und seine Griechen, ganz andere Kaliber. Schade, können sich die Spieler nicht einfach mehr Selbstvertrauen und mehr Mut ansaufen. Wir Fans habens einfacher: Wir dürfen uns aus Frust oder aus Freude betrinken. Die Mass Bier samt stärkender Weisswurst stehen auf dem Bauschänzli bereit, nur wenige Meter neben dem Fussballrondell.
Apropos Bayern. Hitzfeld hatte in Deutschland ja nur zwei Arbeitgeber: Die Münchner und Borussia Dortmund im Herzen des Kohlenpotts. Zwei Vereine, in denen die Emotionen immer kochen und die Leidenschaft immer brennt. Darum brannte Hitzfeld 2004 aus, zeigte typische Burn-Out-Symptome. Und vielleicht kostete auch das Techtelmechtel mit der jungen Brasilianerin Rosi mehr Kraft als ursprünglich gedacht... Seiner Ehe konnte die Sexaffaire nichts anhaben. Gattin Beatrix, die er am 24. Dezember 1975 geheiratet hatte, verzieh ihm den Seitensprung: «Wir haben die Sache abgehakt.»
Weder abgehakt noch verdaut ist die Affaire Luxemburg, trotz der kurzfristiger Rehabilitation gegen die Letten. «Schämt Euch, Ihr Flaschen!», schrie damals der «Blick». Die schwierigen Tage und Wochen meisterte Hitzfeld souverän. Ganz Profi stellte er sich den Fragen der Presse und ganz Diplomat nahm er die Kritik der Öffentlichkeit entgegen.
Bis zur Winterpause sind – nebst Leidensfähigkeit – auch andere Fähigkeiten des Generals gefragt: Psychologisches Geschick und strategisches Fingerspitzengefühl sowie die richtige Mischung zwischen harter Hand und Streicheleinheiten. Die Zeit läuft und die Uhr tickt. Der Weg bis an die Endrunde ist noch lang und steinern.
Nach dem Match gegen Griechenland werden wir wissen, ob der Zug endgültig abgefahren ist. Und aus welchem Grund wir uns am Samstag betrinken sollen.
Text Daniel Wagner
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